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Das Bayrische Kinder- und Jugendfilmfestival (BKJFF) hat am letzten Juni-Wochenende seinen erfolgreichen Abschluss gefeiert

Ein Kommentar

  • Die Auszeichnungen für die Gewinner des BKJFF @JFF
  • Die Gewinner des BKJFF @JFF
"Für Nachwuchs-Musikerinnen und -Musiker gibt es Musikfestivals. Für Nachwuchs-Filmemacherinnen und Filmemacher gibt es das BKJFF." Auf den ersten Blick scheint diese Analogie des Festivalleiters Thomas Kupser sehr pragmatisch. Doch hinter dem BKJFF steckt viel mehr.

Schon vier- bis zwölfjährige Kinder haben für das BKJFF – freilich unter mehr oder weniger intensiven pädagogischer Anleitung – ihren eigenen Film geplant und gestaltet. Solch ein Projekt erfordert und fördert Kompetenzen: Ideenfindung, Projektplanung, schrittweise Umsetzung, Überarbeitung und Fertigstellung – nicht zuletzt die Fähigkeit, in einem Team zu arbeiten Kurz: Produzieren.

Sogar das 2016 erstmals herausgegebene Strategiepapier der Ständigen Konferenz der Kultusminister zur "Bildung in der Digitalen Welt" betont diese Kompetenzen. Vielleicht, weil sie selbständig agierenden Menschen in allen Bereichen des Lebens weiterhilft. Ob nun beim Aufsatzschreiben, beim Aufbau eines eigenen Betriebs oder bei der Doktorarbeit.
Und zur Projektumsetzung gehört Mut – ganz besonders bei der Überwindung der eigenen Unsicherheit.

Die diesjährigen Gewinner in der Kategorie der Filmemacher bis acht Jahre – die Filmgruppe Feuerblitze aus Großwallstadt in Unterfranken erzählen davon, wie sie es mit Mut und Kreativität gemeistert haben, ihren Film "Florians erster Einsatz” zu drehen. Und sie berichten, dass sie auch dann weitergemacht haben, als selbst erfahrene Filmemacher keinen Rat mehr wusten. Wozu nun aber das Festival?

"Klar können die jungen Filmemacher ihre Filme auf Online-Plattformen wie YouTube hochladen", meint Kupser, "aber die Nervosität, die man erlebt, wenn man seinen Film zum ersten Mal auf einer großen Leinwand sieht, sich dem Publikum stellt oder für ein Interview live auf der Bühne steht, fehlt bei der Online-Variante. Es gibt kein Publikum, das direkt sein Feedback zum Film gibt." Hier geht es, wie bei den Musikfestivals der Nachwuchsmusikerinnen und -musiker um das "echte" Erleben.

Den Mut aufzubringen und den eigenen Film mit anderen zu teilen, ist ein noch größerer Schritt als das Produzieren. Das ist Partizipation, wie sie der Psychologe und Autor Norbert Groeben in seinem differenzierten Medienkompetenzmodell von 2004 gefordert hat.
Denn die Teilhabe am gesellschaftlichen Diskurs leistet für Heranwachsende einen wertvollen Beitrag, ihre Identität auszuformen und zu erproben.

In welchem Verhältnis stehe ich zu Parolen wie "Wenn Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht"? Und wie reagiert meine Umgebung auf mich? Dieser Frage hat sich BlutmonFilm aus Mittelfranken, das Produktionsteam des Kurzfilms "Die 4. Generation", angenommen und erhält dafür eine lobende Erwähnung der Jury.

Die Reaktion des Publikums und der Jury auf das eigene Werkstück hilft, sich selbst in Relation zu anderen zu betrachten. Und seinen Horizont zu erweitern. Die Leitmotive: Identitätsverlust, Angst und das Gefühl, dass sich seine eigene Persönlichkeit "auflöst", zeigt das Filmteam um Angelina Loy, Chris Kroher, Christoph Bühl und Julia Hufnagel beim Spielfilm-Thriller "Dir Nah": "Wir haben ein Thema, das uns wichtig ist, mal ganz von einer anderen Seite beleuchtet". Er behandelt das Thema Demenz, aus der Sicht eines Betroffenen... Ein Blickwinkel, den viele Menschen nicht von sich aus einnehmen, weil sie im Alltag nur von außen auf Betroffene sehen.

Apropos Blickwinkel. Nicht nur auf Seiten der Filmemacher, sondern auch auf Orga-Seite sind junge Menschen über sich hinausgewachsen.
Carolin Öfele und Katharina Hoffmann, beide Anfang 20, blicken auf ein Festival zurück, auf dem sie "… spontan kreative Lösungen entwickelt haben". Nachdem die Autokorrektur ihres Textverarbeitungsprogramms die Namen auf den selbstgestalteten Festivalpässen "zerschossen" hatte, gaben sie den Besucherinnen und Besuchern charmante neue Namen, wie "Heimat". Passend dazu wurde sogar ein Sonderpreis in der Kategorie "Heimat" vergeben.
Kreativität, Problemlösung, Teamfähigkeit, kommunikative Kompetenzen – alles Fähigkeiten und Fertigkeiten, die auf dem BKJFF zum Tragen kommen. Nadine Rinner (18) übernahm die Koordination der Jugend-Redaktion deinLiFE, die live vom Festival berichtete. Sie findet: "Krass, dass ich so viel Verantwortung übernehmen durfte."

"Ich bin in den paar Tagen um fünf Jahre gealtert", scherzt ihr FSJ-Kollege Johannes Rockstuhl (18). Der angehende Student für Medien und Kommunikation hat die Preisverleihung moderiert. Ihn hat der "positive Stress" bereichert.

Vom Close-Up in die Totale. Was lernen die Kinder und Jugendlichen beim BKJFF? So viel, dass wir nicht alles auf einmal betrachten können. Zoomen wir ein wenig heraus, sehen wir junge, kreative Menschen auf ihrem Weg zu neuen Zielen. Betrachten wir ihr Leben als Film, ist das BKJFF wohl eine dieser Schlüsselszenen, die ihrer Story den roten Faden verleiht. Wie junge Musikschaffende auf der Bühne ihren Live-Sound finden, so bauen die jungen Nachwuchstalente auf dem BKJFF das Grundgerüst für ihre Erfolgsgeschichte im Leben.

Sonja Berger arbeitet als wissenschaftliche Hilfskraft am Lehrstuhl für Empirische Pädagogik und Pädagogische Psychologie der LMU München und koordiniert die Nachwuchs-Radioredaktion "Junge Talente auf egoFM" im Medienzentrum München.
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