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aus dem Heft: 2017/04: Soziale Arbeit digital
in der Rubrik: aktuell

Antje Müller: stichwort Lifelogging

Seit es digitale Daten gibt, wird nach Möglichkeiten gesucht, diese nutzbar zu machen – und nützlich ist alles, was den Menschen besser leben lässt, was ihn schneller, höher und weiter kommen lässt. Erst vor fünf Jahren startete die sogenannte Quantified Self-Bewegung in Deutschland durch. Lifelogging entspricht dabei dem Zeitgeist und spiegelt gesellschaftliche Entwicklungen der Individualisierung, Ökonomisierung und Leistungsgesellschaft. So lässt sich durch das Sammeln und Aufzeichnen von Verhaltens- und Ereignisspuren nicht nur ein digitales Tagebuch führen, sondern insbesondere auch bei tagtäglichen Handlungen assistieren und diese optimieren. Self-Tracking als Gesundheitsmonitoring, Vermessung am Arbeitsplatz, Total Recall, Sleep- und Mood- bis hin zu Think- und Deathlogging – alles lässt sich dank der Unterstützung liebgewonnener Sensoren, vertrauensvoller Apps und smarter Wearables dokumentieren. Die digitale Aura – geschaffen durch vibrierende Handgelenke, Datenbrillen, Kopfhörer oder smarte Alltagskleidung – suggeriert dabei vermehrt Sicherheit in einer sonst unsteten, beschleunigten Welt, in welcher Verzicht- und Austauschbarkeit großgeschrieben werden. Sie hilft zu verstehen, wie Menschsein funktioniert und eröffnet nicht zuletzt einen erlösenden Weg, die Fehlerquelle ‚Mensch‘ zu überwinden oder das gefühlt ungerichtete Leben durch Disziplin und Ordnung zumindest halbwegs akzeptabel zu gestalten. Dabei kommuniziert unser ‚digitaler Schutzschirm‘ bevorzugt mit Dienstleistern, Firmenkundinnen und -kunden oder Krankenkassen, meldet kalkulierbare Effizienz an Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber und steigert Unternehmensgewinne – reproduziert schließlich das Qualitätsprodukt ‚Mensch', ohne auf Ausreißer zu achten. Diese "rationale Diskriminierung", wie Stefan Selke (2016) es nennt, gibt Hinweise auf eine neue Ordnung in der Sozialität, in der das Recht auf Vergessen, Zufall, Intuition und Geheimnis erodieren. Auch wenn Gamifikation, Selbstexpertisierung oder auch Kollaborationsgedanken positive Ansätze bergen, bleibt offen, ob die Aufweichung des Grundrechts auf informationelle Selbstbestimmung nicht letztlich nur noch einen Tropfen auf dem heißen Stein darstellt. Zumal bereits jetzt noch ausgereiftere Technologien wie Bio-Tattoos oder haltungskorrigierende Pflaster auf die Bildfläche treten, die sich noch unauffälliger in den Alltag integrieren lassen und immer mehr mit dem Menschen selbst konvergieren.

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    Autor/innen: Antje Müller
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