Inhalt

aus dem Heft: 2018/01 Jugend. Medien. Raum. Identität
in der Rubrik: thema

Albert Fußmann, Ulrike Wagner: Jugendliche in mediatisierten Sozialräumen

Editorial

Für die meisten Jugendlichen ist es mehr als selbstverständlich, sich die Welt über Kommunikations- und Onlinemedien anzueignen. Sie machen ihre Erfahrungen also sowohl unmittelbar im direkten Austausch in ihren Sozialräumen als auch vermittelt über diverse mediale Kanäle. Die Jugendlichen gehen Beziehungen ein, sie informieren sich, sie beteiligen sich – dazu dienen ihnen die Kommunikationskanäle der bekannten Sozialen Netzwerkdienste und Messenger, aber auch die traditionellen Massenmedien. Gleichzeitig sind die Sozialräume der Jugendlichen in ihren Funktionen als Begegnungs-, Identitäts- und Bildungsräume (Kreß 2010) zunehmend als mediatisiert zu betrachten – nicht zuletzt durch die ständige Verfügbarkeit von medialen Strukturen über Geräte, die in der Hosentasche auf ihren Einsatz warten bzw. den Nutzenden Signale geben, wann es wieder an der Zeit ist, sich um neue Nachrichten aus den Sozialräumen zu kümmern. Wichtige Voraussetzung ist dann, dass der WLAN-Zugang am aktuellen physischen Ort auch funktioniert. Das Internet, genauer das WWW, durchzieht die Strukturen des alltäglichen Medienhandeln und der Sozialräume von Jugendlichen auf mehreren Ebenen:
  • Es bildet eine Struktur, die alle anderen Massenmedien integriert, sei es nun Fernsehanbieter, Zeitungen und Zeitschriften, die alle ihre Online-Repräsentanzen haben. Professionelle neue Online-Anbieter wie Streamingdienste haben sich zudem längst etabliert. Sie machen den traditionellen Massenmedien hierbei Konkurrenz, beispielsweise in der Bereitstellung von Filmen, Serien, Spielen etc.. Inhalte zu rezipieren und in der Peergroup gemeinsam zu verhandeln, ist damit nicht mehr an eine bestimmte Zeit gebunden.
  • Es bietet Individualkommunikation über verschiedene Kanäle, die mehr oder etwas weniger öffentlich zur Verfügung stehen. Der direkte Austausch mit anderen und die Beziehungspflege sind vor allem seit Einführung der SMS stark vereinfacht worden und damit noch weniger an körperliche Präsenz gebunden. SMS wurde nun längst abgelöst von Messengerdiensten, allen voran WhatsApp. Geblieben ist das Bedürfnis, sich – im jeweilig relevanten Sozialraum – zu anderen in Beziehung zu setzen. Im alltäglichen Medienhandeln von Jugendlichen ist die Beziehungspflege fest verankert. Damit formen sie auch die Strukturen ihrer Sozialräume beständig weiter.
  • Es bietet Produktions- und Veröffentlichungsflächen für eigene Themen, Interessen und Anliegen und Vernetzung mit anderen – grundsätzlich unabhängig von physischen Orten. Die Möglichkeiten des Selbstausdrucks über Fotos und Videos eröffnet neue Perspektiven für die Arbeit an der persönlichen, aber auch der sozialen wie politischen Identität – sprich der Gruppe(n) und Räume, denen man sich zugehörig fühlt.

Dies alles geschieht gleichzeitig nicht unabhängig von physischen ten wie der Schule, des Elternhauses oder gemeinsamen Treffpunkten. Sie sind auf vielfältige Weise im Medienhandeln präsent: Zum Beispiel im Posten von Fotos über bestimmte Orte, an denen man sich gemeinsam mit Freundinnen und Freunden aufhält, bei der Kommunikation mit Familienmitgliedern etc.. Gleichzeitig gestalten die Nutzenden über Online-Strukturen Räume, die die unterschiedlichsten Interessen und Wünsche befriedigen: Unterhaltung und Ablenkung genauso wie Orientierung und Verortung im sozialen Gefüge. Dieses Handeln ist dabei nicht digital oder analog, real oder virtuell. Im aktuellen Kinder- und Jugendbericht ist von "Grenzarbeit" die Rede, da die digitalen Medien bisher "klare Raum- und Zeitbegrenzungen aufheben" und somit die Jugendlichen – noch vor den Erwachsenen – vor die Aufgabe stellt, Grenzverschiebungen zu meistern. Die Grenzen verschieben sich "vor allem zwischen Öffentlichkeit und Privatheit und Präsenz und Kopräsenz, aber auch zwischen Körper und Technik". (15. KJB, S. 273). Mithilfe von ‚adden‘, ‚liken‘ und ‚taggen‘ wird Meinung geäußert, aber auch am Selbstbild gearbeitet; Offenheit und der Wunsch nach Abgrenzung, Inklusion und Exklusion sind nur ein Mausklick nebeneinander.
Die mediatisierten Sozialräume sind Lebens- und Lernorte für die Heranwachsenden und damit auch verfestigend, bieten zum anderen aber eben auch die Chance, sich Neues zu erschließen und damit Ungleichheiten zu überwinden. Die emanzipatorische Vision eines freien Netzes, in dem sich jede und jeder frei äußern kann und dies letztendlich zu demokratischeren Strukturen für den Aufbau einer informierten und gleichberechtigten Gesellschaft führt, wurde von der Realität, sowohl auf der Ebene des Mediensystems, wie auch auf der Ebene der Subjekte überrollt. Das World Wide Web wird dominiert von einigen wenigen kommerziellen Großunternehmen, die über die internationale gültige Währung der Daten ihrer Nutzenden ihre Macht festigen und ausbauen. Auf der Ebene der Subjekte scheint aber auch die Habermas‘sche Idee des räsonierenden, vernunftbegabten Publikums nur für einen Teil der Internetnutzenden zu gelten, die nach wie vor Argumente austauschen, Informationen recherchieren und einer kritischen Analyse unterziehen, bevor sie sie veröffentlichen. Dies machen sie in einer Sprache, die das (digitale) Gegenüber mit Respekt behandelt. In anderen Teilen der Nutzerschaft dominieren Verschwörungstheorien,
Hetze und Menschenverachtung. In der scheinbaren Anonymität des Netzes können dann auch zivilisatorische Errungenschaften, die auf grundlegenden Menschenrechten basieren, verloren gehen. Onlinestrukturen konstituieren also öffentliche Räume mit plötzlicher Wirkmacht von Meinungen, die vormals privat oder am Stammtisch geäußert wurden, weil sie persistent und dauerhaft verfügbar werden.
Gründe gibt es also genügend, um die Perspektive Jugendlicher, der pädagogischen Praxis und sozialwissenschaftlichen Forschung zum Themenkomplex Jugendliche und mediatisierte Sozialräume einzuholen. Ebenso ist die sozialräumliche Perspektive auch für die lebensweltorientierte Jugendarbeit zentral. Vor dem Hintergrund von Mediatisierungsprozessen
stellen sich dabei konkrete Herausforderungen: Sie ist erstens gefordert, den Umgang mit digitalen Strukturen systematisch in ihre Abläufe und Planungen zu integrieren. Zweitens muss sie aber auch die digitalen Medien selbst zum Bildungsgegenstand in allen Tätigkeitsfeldern machen. Die Forderung, Medienbildung in alle Bildungsprozesse zu integrieren, wird seit dem 11. Kinder- und Jugendbericht (2002) kontinuierlich bis zum 15. Kinder- und Jugendbericht (2017) aufgestellt. Alle relevanten Jugend- oder Bildungsorganisationen haben sich damit beschäftigt und entsprechende Papiere dazu erstellt, so zum Beispiel der Deutsche Bundesjugendring 2009, das Bundesjugendkuratorium
2013, die Arbeitsgemeinschaft Jugendhilfe (AGJ) 2015 und die Bundesvereinigung
Kulturelle Jugendbildung
2016.
Der aktuelle Themenschwerpunkt der merz | medien + erziehung beleuchtet ausgewählte Facetten dieses Themenkomplexes und thematisiert, wie sich das Kommunikationsverhalten und di an der Identität in der Aufhebung von analoger und digitaler Welt gestaltet. Es wirft unter anderem einen Blick auf Jugendliche, die in ländlichen Räumen aufwachsen und skizziert geschlechtsspezifische Aneignungsweisen in mediatisierten Sozialräumen. Quer über alle Beiträge zieht sich die Frage, in welcher Form Jugendliche in ihrer Souveränität gestärkt werden können, um ihre Sozialräume eigenständig zu gestalten und sich das Internet als öffentlichen Raum der Auseinandersetzung mit sozialen, kulturellen und politischen Themen zu erschließen.

Zu diesem Heft

Franz Josef Röll untersucht die Gesellungsformen von Jugendlichen. Er argumentiert, dass für die Bildung von Identität reale und virtuelle Gesellungsformen unumgänglich sind. Gerade virtuelle Räume bieten hier Potenziale für die Vermittlung von Orientierung und können helfen, die ‚Wahlverwandtschaften‘ Partizipation, Vernetzung und Beziehungskultur miteinander zu verbinden. Die Eingebundenheit in eine soziale Gemeinschaft kann zugleich auch als zeitgemäße Notwendigkeit angesehen werden, um sich in der modernen Informationsgesellschaft behaupten zu können. Gerade wegen der milieubedingten Unterschiede der Gesellungsformen bieten die virtuellen Räume Potenziale der Vermittlung von sozialer Orientierung sowie soziokultureller Denk- und Wahrnehmungsweisen. Die virtuellen Lebenswelten können zudem helfen, (wechselnde) Wahlverwandtschaften zu bilden, um Potenziale zur Entfaltung zu bringen. Gleichzeitig müssen aber auch die überindividuellen Risiken im Blick behalten werden.
Ulrike Wagner lenkt in ihrem Beitrag "Ermächtigung und/oder Gefährdung? – Anmerkungen zur Aneignung mediatisierter Sozialräume" den Blick auf eine geschlechtsspezifische Auseinandersetzung mit dem Handeln in mediatisierten Sozialräumen. Sie zeigt, dass die Aneignungsweisen von Mädchen und Jungen in mediatisierten Sozialräumen durchaus vielfältig sind. Gleichzeitig bilden sich aber dominante Diskurse aus: Zum einen der Diskurs der Selbstermächtigung, der aber auf das individuelle Handeln der Einzelnen beschränkt bleibt und benachteiligende Strukturen und ungleiche Machtverhältnisse damit ausblendet. Zum anderen der Diskurs um Gefährdung, welcher Mädchen wie Frauen in besondere Weise als ‚schützenswert‘ thematisiert und ihnen damit ihre Handlungsmacht entzieht.
"Man muss ja nicht mit dem Schwersten anfangen, sondern vielmehr anfangen, sich mehr Sachen zu überlegen" – das sind die Worte der 15-jährigen Junior-Bloggerin Livia Kerp, die das Online-Magazin www.liviajosephine.de betreibt. Im Interview schildert sie, dass sie mit ihrem Magazin und zuvor geführten Blog livias-life-is-style Jugendlichen Politik über ihre Texte näher bringen will. Sie grenzt sich bewusst von YouTuberinnen und YouTubern ab und will beschreiben, was sie als Jugendliche bei bestimmten Themen, wie zum Beispiel, Flüchtlingspolitik fühlt und diese Gedankengänge nachvollziehbar machen. merz fragt nach den Gründen für ihr Engagement, wie ihre Inhalte entstehen und sich weiterentwickelt haben und welche Rolle Freundschaften, ihr Zielpublikum und das soziale Netzwerk in ihrem Leben spielen.
Den sozialen Raum von Jugendlichen zu erkunden und erfahrbar zu machen, bedeutet, Jugendliche wie Livia, selbst zu Wort kommen lassen. YouTuber Steve Heng und WebDays-Referent sowie Technikblogger Jakob Licina nehmen ganz unterschiedlich Stellung zu ihrer Arbeit, bzw. ihrer Nebentätigkeit. In grau hinterlegten Interviews zwischen den Themen-Beiträgen ordnen beide ihre Erfahrungswerte ein in aktuelle Entwicklungen zum Social
Web, wie auch zur YouTube- und Blogger-Szene.
"Jede Technik hat emanzipatorisches Potenzial, es ist nur die Frage wie …", meint Christian Kirschner, Jugendbildungsreferent der Bildungsstätte Alte Schule Anspach (basa e. V.). Im Interview mit merz bezieht er zum Thema politische Information und politisches Handeln von Jugendlichen im Internet Position. Er plädiert dabei für die Gleichwertigkeit des Analogen und des Digitalen und sieht große Überschneidungen zwischen politischer Bildung und Medienbildung insofern, dass zunächst die Lebensrealitäten der Jugendlichen in den Mittelpunkt
gerückt werden müssen, um auch die sogenannten politikfernen Jugendlichen für politische Themen im weiteren Sinn zu interessieren.
Eric Müller stellt in seinem Artikel "Jugendliche, Smartphones und ländliche Räume" seine empirische Arbeit zur Jugend im ländlichen Raum und deren Medienhandeln mit Smartphones vor. Die Ergebnisse der qualitativen Studie zeigen, wie eng Praktiken der Medien- und Raumaneignung miteinander verwoben sind. Medien ermöglichen zum einen die Teilhabe an lokalen Traditionen, zum anderen finden Jugendliche über Medien auch Gegenentwürfe zu diesen Traditionen. Müller
sieht die Aufgaben einer sozialraumorientierten Medienpädagogik darin, mit Medienbildungsprozessen die Teilhabe Jugendlicher an der digitalen Gesellschaft zu sichern.
"Ein öffentlicher Raum ist für alle Menschen da – auch und gerade für die Jugendlichen." Matthias
Fack, Präsident des Bayerischen Jugendrings, nimmt zu den aktuellen Herausforderungen für die Jugendarbeit Stellung und argumentiert, dass das Internet Teil dieses öffentlichen Raums ist und daher auch alle Jugendliche die Chance haben müssen, daran teilzuhaben. Dies ist ein Anliegen der Jugendarbeit, sie sich auch dafür einsetzt, dass auf der einen Seite ein kritischer Umgang mit Medien gefördert und auf der anderen Seite auch qualitativ hochwertige Inhalte produziert werden.
Schließlich fügt sich in das Spektrum der behandelten Themen zum Sozialraum die Reportage zu
den WebDays – die Jugendkonferenz der Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland e. V. (IJAB). Vom 3. bis zum 5. November 2017 begleitete merz die jugendlichen Teilnehmerinnen und Teilnehmer bei einem diskursiven politischen Erfahrungsaustausch und -zugewinn, zusammen mit medienpädagogischen Fachkräften, Vertreterinnen und Vertreter aus Sozialwissenschaften, (Netz-)Politik und Journalismus und konnte spannende Einblicke in Raum(-rück-) eroberungsprozessen hinsichtlich politisch orientierter Partizipationsbestrebungen gewinnen.

Literatur

Bundesministerium für Familie, Soziales, Frauen und Jugend (2017). 15. Kinder- und Jugendbericht Bericht über die Lebenssituation junger Menschen und die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland. www.bmfsfj.de/blob/115438/d7ed644e1b7fac4f9266191459903c62/15-kinder-und-jugendbericht-bundestagsdrucksache-data.pdf [Zugriff: 18.01.2018]

Kreß, Jennifer (2010). Zum Funktionswandel des Sozialraums durch das Internet. In:sozialraum.de, 2. www.sozialraum.de/zum-funktionswandel-des-sozialraumsdurch-das-internet.php [Zugriff: 16.01.2018]

Albert Fußmann ist Direktor des Institut für Jugendarbeit Gauting. Seine Schwerpunkte sind Neue Medien und Kulturelle Bildung.

Dr. Ulrike Wagner ist Sozialwissenschaftlerin und künstlerisch-pädagogische Leiterin des Werkhofs Bistrica, einer Bildungs- und Kultureinrichtung in Bistrica pri Pliberku/Feistritz ob Bleiburg in Österreich.

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    Autor/innen: Albert Fußmann, Ulrike Wagner
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