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aus dem Heft: 2018/04: Medienpädagogik und Informatik
in der Rubrik: aktuell

Karin Knop: nachgefragt

Rainer Riedel, Leiter der BLIKK-Studie

Dr. Karin Knop sprach mit Prof. Dr. Rainer Riedel, Direktor des Instituts für Medizinökonomie und medizinische Versorgungsforschung der Rheinischen Fach¬hochschule Köln und Leiter der BLIKK-Studie 2017 (BLIKK = Bewältigung, Lernverhalten, Intelligenz, Kompetenz, Kommunikation) über deren Ergebnisse und das Medienverhalten von Heranwachsenden.

merz Im Rahmen des Projekts BLIKK wurden 5.636 Eltern und deren Kinder zum Umgang mit elektro-nischen Medien befragt und gleichzeitig im Rahmen der üblichen Früherkennungsuntersuchung die körperliche, entwicklungsneurologische und psychisch-soziale Verfassung nach Paed.Check® dokumentiert. Wie kam es zum Zuschnitt der Studie?
Riedel In der Fernsehforschung wurde bereits vor einigen Jahren festgestellt, dass der übermäßige Konsum von Fernsehen zu Leistungs- und Schlafstörungen führen kann. Zu lange Nutzungszeiten könnten diagnostisch betrachtet zu Verhaltensauffälligkeiten und Entwicklungsstörungen führen. Wir arbeiteten mit Evaluationsinstrumentarien, die auch in der Pädiatrie bei Früherkennungsuntersuchun-gen etabliert sind. Die empfohlenen Richtwerte der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) und von no-ZOFF, einer schweizer Organisation zur Jugend- und Familienberatung, wurden als Cut-off- Werte zur Beurteilung der Nutzung elektronischer Medien für Kinder im Alter von drei bis 14 Jahren verwendet.
merz Was waren für Sie die überraschendsten oder bedeutsamsten Befunde dieser Querschnittsstudie?
Riedel Auffallend ist, dass bereits ein wesentlicher Teil der Drei- bis Sechsjährigen elektronische Medien (Fernseher und Smartphone in Kombination) länger als 30 Minuten nutzt. Der entsprechende Richtwert (BZgA bzw. no-ZOFF) wird somit bei jedem zweiten Kind überschritten. In der Gruppe der Sechs- bis Neunjährigen nutzten schon rund 75 Prozent die elektronischen Medien über 30 Minuten pro Tag.

merz Sie plädieren also für eine starke Begrenzung der Nutzung von mobilen digitalen Bildschirm-medien?
Riedel Wir empfehlen aufgrund unserer Studienergebnisse grundsätzlich, dass die empfohlenen Richtwerte für die Nutzung elektronischer Medien im Kindesalter eingehalten werden. Einen Einjäh-rigen mit bewegten elektronischen Bildern abzu¬lenken und so zu beruhigen, halte ich im Hinblick auf die zu diesem Zeitpunkt noch unzureichende Entwicklung des kindlichen Gehirns für problematisch. Ebenso kann man kontrovers diskutieren, ob es sinnvoll ist, einen Dreijährigen in der S-Bahn mit einem Tablet oder Smartphone zu beschäftigen, damit er Dritte nicht stört. Auch sollten wir darüber nachdenken, dass man noch vor wenigen Jahren Kindern Malbücher für eine kreative Beschäftigung gegeben hat. Ich unterstütze diese Idee mit den Malbüchern, denn hier lernen unsere Kinder bereits früh, die gewünschte Farbe zu wählen; nehmen sie die falsche Farbe, müssen sie radieren oder neu anfangen; dies erfordert eine höhere Konzentrationsspanne im Vergleich zur Nutzung eines Tablets, bei dem man dann das fehlerhafte Ausmalen einfach wegwischen kann. Eine solche Erfahrung ist im Hinblick auf die feinmotorische sowie geistige Entwicklung eines Kindes bedeutsam.

merz Vom Ausgangsdesign her haben Sie Risiken und Entwicklungsauffälligkeiten und -störun¬gen wie zum Beispiel Konzentrationsschwächen, Sprachentwicklungsstörungen und Hyperaktivität sehr stark in den Mittelpunkt gerückt. Warum?
Riedel Es sei der Hinweis erlaubt, dass wir die eben angesprochenen Entwicklungsauffälligkeiten nicht in den Fokus gerückt hatten – denn wir haben nur die Untersuchungs-Tools der pädiatrischen Früherkennung unserer Studie zugrunde gelegt. So bestand die Zielsetzung, zu untersuchen, inwieweit gegebenenfalls Hinweise auf mögliche kindliche Entwicklungsstörungen in Verbindung mit einer Nutzung der elektronischen Medien zu beobachten wären. Diese Untersuchung steht im Zusammenhang mit den bereits in der Literatur bei (jungen) Erwachsenen beschriebenen Gesundheitseinschränkungen wie etwa Schlafstörungen oder depressiven Verstimmungen im Zusammenhang mit der Nutzung von elektronischen Medien. So kann man davon ausgehen, dass deren Nutzung eine neuropsychologische Wirkung induzieren kann. Vor diesem Hin¬tergrund kommt dem Untersuchungsdesign eine besondere Bedeutung zu, da man so mögliche Hinweise auf eine neuropsychologische Entwicklungsauffälligkeit im Verlauf der Entwicklung des (früh-) kindlichen Gehirns abbilden kann. In dieser Phase werden dort lebensbedeutsame neuronale Netze "gespannt", die für die Ausbildung menschlicher Grundelemente wie etwa Empathie, Sprache und auch die motorische Entwicklung erforderlich sind. So verstehen wir unter Letzterer nicht das Herumtippen auf einem Tablet, sondern beispielsweise im Sandkasten mit nassem und trockenem Sand oder Bauklötzen zu spielen oder Dreirad und Roller zu fahren. So können unterschiedliche motorische/ haptische Erfahrungen gesammelt werden.

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Kindliche Entwicklung kann nicht ausschließlich über Medienhandeln erfolgen, das ist richtig. Alle Ihre benannten Aspekte sind definitiv wichtig. Nichtsdestotrotz gibt es viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sagen, dass eine strikte Richtlinie für Nutzungs¬zeiten an der Realität vorbei zielt. Denn wenn ein Kind zwar diese Zeiten überschreitet, Bildschirmmedien sonst aber vollkommen funktional, sozial und individuell zuträglich nutzt und all diese außermedialen Entwicklungspotenziale ebenfalls ausschöpft, kann es gar nicht zu diesen negativen Effekten kommen. Man kann es also nicht ausschließlich an der reinen Nutzungsdauer festmachen.
Riedel Wir sollten jedoch berücksichtigen, dass wir uns heute in einem weltweiten "in vivo-Experiment" hinsichtlich der Nutzung von elektronischen Medien während der (früh-)kindlichen geistigen, seelischen und motorischen Entwick¬lung befinden. Wie bereits ausgeführt, müssen Kinder nach den bisherigen entwicklungstheoretischen Modellen hier entsprechende analoge Fähigkeiten entwickeln. So ist es unsere Aufgabe präventiv dafür zu sorgen, dass unsere Kinder heute auch eine entsprechende Entwicklung "mit auf ihren Weg" bekommen, damit sie in die Lage versetzt werden, sich in einer analogen wie auch in der digitalen Welt erfolgreich zu positionieren. Die angesprochenen Richtwerte sind im Moment die einzige Grundlage für einen adäquaten Umgang mit elektronischen Medien im (Klein-) Kindesalter. Eine ausgewogene und gesunde Ernährung ist eine gute Analogie: Wir können heute auf elektronische Medien genauso wenig verzichten wie auf eine ausgewogene Ernäh-rung – denn wir wissen, dass erworbene falsche Ernährungsgewohnheiten im Kindesalter langfristige gesundheitliche Folgen haben können. Wir möchten Menschen deswegen gerne Empfehlungen an die Hand geben können, ähnlich eines Kochrezeptes, um elektronische Medien in einem "gesunden Maß" im (Klein-)Kindesalter nutzen zu können.

merz In den pädiatrischen Empfehlungen finden sich Angaben wie "Vermeiden Sie Bildschirmmedien bei unter Dreijährigen". Finden Sie, dass exakte Angaben für die Nutzung hilfreich sind oder haben Sie selbst Schwierigkeiten, so genaue Richtwerte und Empfehlungen auszusprechen?
Riedel Als Arzt für Nervenheilkunde möchte ich Ihnen klare Antworten geben. Wenn wir uns nach der BZgA oder no-ZOFF richten, da es keine anderen belastbaren Richtwerte zur Verfügung gibt, empfehle ich keine Nutzung von elektronischen Bildschirmmedien bei den Null- bis Dreijährigen. Nun haben wir auch einen gesellschaftlichen Evaluationsprozess, der darauf abzielt, dass wir uns täglich mit elektronischen Bildschirmmedien umgeben. In diesem "permanently online – permanently connected"-Modus empfehle ich, wieder "On- und Offline-Phasen" einzuführen – denn unser Gehirn braucht schließlich auch Ruhephasen. So bietet eben nicht nur die digitale Welt schöne Lebensinhalte – auch die Schönheit in der uns umgebenden analogen Natur sollten wir zumindest im gleichen Maße wieder wahrnehmen. Elektronische Medien haben das Verhalten der Menschen und deren Alltag sicherlich extrem verändert. Im Rahmen dieser sozioevolutionären Entwicklung müssen wir nun lernen, entsprechende kinderkonforme pädagogische Konzepte zu entwickeln, um die elektronischen Bildschirmmedien angemessen in eine analoge Erlebniswelt zu integrieren.

merz Kinder anzuleiten und pädagogisch zu beglei¬ten, sollte für eine individuell und sozial zuträgliche Mediennutzung im Vordergrund stehen. Finden Sie nicht, dass dramatische Befunde da schnell zu einer Verteuflung führen können?
Riedel Das ist genau der Tenor, den wir in unse¬rem Bericht nicht angeschlagen haben. Deswegen haben wir uns auch für die Einbeziehung der Cut-off-Werte entschieden. Wir haben sie entsprechend gewählt, wie diese von der BZgA und von no-ZOFF vorgegeben sind. Des Weiteren gibt es heute etwa US-amerikanische Studien, die Zusammenhänge zwischen der Nutzungsdauer sozialer elektronischer Medien und der Höhe des depression score zeigen. So haben wir darauf hingewiesen, dass die Eltern sowie deren Nachwuchs eine entsprechende Medienkompetenz entwickeln sollten, um zukünftig ein ausgewogenes Gleichgewicht einer analogen-digitalen Erlebniswelt genießen zu können. Im Augenblick sind wir eine Forschungsgruppe, die die Hinweise aus der Fernsehforschung hinsichtlich einer langen Mediennutzungsdauer und den korrespondierenden beobachteten Beschwerden und Leistungsstörungen wie Schlafstörungen, Depressionen oder Leistungsstörungen im Hinblick auf eine mögliche Übertragbarkeit auf die übrigen elektronischen Bildschirmmedien überprüfen. So werden wir die Aufgabe haben, zukünftig die wissenschaftlichen neuropsychologischen mit den medienpädagogischen Kompetenzbereichen zu koppeln, um in Längsschnittstudien etwa tragfähige Konzepte für die Nutzung elektronischer Bildschirmmedien zu untersuchen und zu entwickeln.

merz In der Medienlogik sagt man ja "bad news are good news". Wie ist es Ihnen mit der medialen Aufmerksamkeit ergangen?
Riedel Wir haben keine "bad news" gebracht, das ist immer eine Frage der Interpretation. Wir weisen nur darauf hin, dass die übermäßige Nutzungsdauer von elektronischen Medien (Fernseher/ Smartphone) in Abhängigkeit zur Altersgruppe zu Entwicklungsstörungen führen kann. Nur weil ein Kind länger als 30 Minuten Medien nutzt, muss es nicht an Konzentrationsstörungen leiden; aber bei den Kindern, die eben über diese Richtwerte hinaus Medien nutzen, ist statistisch signifikant auffällig, dass sie in höherem Maße darunter leiden. Digitalisierung bedeutet ubiquitäre 24-stündige Erreich-barkeit und wir möchten zumindest darauf hinweisen, dass es unter bestimmten Konstellationen zu Entwicklungsauffälligkeiten führen kann. Also ist dies eine "Good News", denn so ermöglichen wir Eltern und Pädagogen, präventiv die Nutzungszeiten von elektronischen Medien zu steuern, um so unseren Kindern eine ausgewogene analoge und digitale Entwicklung zu bieten.


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    Autor/innen: Karin Knop
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