Inhalt

aus dem Heft: 2017/03: Hass und Hetze im Netz
in der Rubrik: aktuell

Antje Müller: nachgefragt

Eike Rösch, ­Medienpädagogik Praxis-Blog

Der Medienpädagogik Praxis-Blog bietet Medien­pädagoginnen und Medienpädagogen Materia­lien, Methoden, Projektbeispiele, Tipps und Tricks und aktuelle Informationen für die medienpädagogische Praxis in Jugendarbeit und Schule. Im vergangenen Jahr konnten Multiplikatorinnen bzw. Multiplika­toren sowie alle Interessierte an einem Praxis-Camp mitwirken, sich austauschen und Kontakte knüpfen. Antje Müller hat mit Eike Rösch über die Besonderheit eines Barcamps gesprochen, und wie er Köpfe aus Forschung und Praxis an einen Tisch holt.

merz Das erste Barcamp entstand aus den soge­nannten Foo Camps, die nur mit Einladung besuchbar waren. Was ist ein Barcamp – die sogenannte Unkonferenz – heute und was unterscheidet es aus deiner Sicht von Tagungen, Symposien, Kongressen oder Workshops?
Rösch Für mich ist das Besondere an einem Barcamp, dass es vor allem teilnehmendenorientiert ist und das vorhandene Wissen wertschätzt. Ich finde das für die Medienpädagogik so wichtig, weil sie ein weites Arbeitsfeld ist, in dem ganz viel ausprobiert wird, speziell in der außerschulischen Medienpädagogik. Dort bringen die Fachkräfte ganz viele Erfahrungen mit. Und meiner Meinung nach ist das genau das, auf was bei einem Barcamp gesetzt wird. Wohingegen man sich bei einer Tagung im konventionellen Format immer überlegt, welche Workshops angeboten werden könnten. Das fokussiert dann auch sehr die Sicht der Organisierenden und ihren Wissensstand – und es gibt auch einfach einige Dinge, die sie nicht wissen, nicht wissen können. Was für mich bei einem Barcamp das Besondere ausmacht, ist die Wertschätzung für die Teilnehmenden, die große Flexibilität und, dass man das vorhandene Wissen von allen nutzen kann. Und es ist nach wie vor so, dass die Leute, die bei einer konventionellen Tagung einen Workshop machen würden, auf einem Barcamp auch eine Session anbieten können.

merz Wer kommt nach deiner Erfahrung zu Barcamps?
Rösch Der Medienpädagogik Praxis-Blog. Ich glaube, das sind Leute, die lernen und sich austauschen wollen. Ein Barcamp ist, finde ich, auch besonders für Einsteigerinnen und Einsteiger in die Szene geeignet. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass man sehr viel mit Menschen in Kontakt kommt und sich auf Augenhöhe austauscht. Bei uns auf dem Medienpädagogik Praxis-Camp war das so, dass es eine sehr gute Mischung aus allen möglichen Leuten war, die aus der medienpädagogischen Praxis, aber auch der Forschung kamen, und die sich für aktuelle Entwicklungen in der Praxis interessierten. Dabei hatten wir bemerkenswerterweise von Anfang an eine sehr schöne Stimmung. Also, sehr harmonisch, auf Augen­höhe, sehr kommuni­kativ, sehr unterstützend, sehr hilfsbereit, sehr offen. Es gab auch Menschen, die über Fehler gesprochen haben, wie ihr Projekt schief ging, und wie man daraus lernen kann. Und bei den allermeisten Sessions war es eben auch so, dass die Leute weniger nur ihre eigene Position vorgestellt haben, sondern, dass es eben kurze Inputs gab und anschließend gemeinsam darüber an dem Thema diskutiert wurde.

merz Innerhalb deiner Reflexion zu eurem Barcamp hast du darauf verwiesen, dass sehr viel von den Barcamp-Prinzipien Gebrauch gemacht wurde. Was meinst du damit?
Rösch Es waren Menschen da, die mit der Erwartung angereist sind, sich einzubringen und eigene Gedanken und Inhalte zu präsentieren. Das ist ein wichtiges Ding bei Barcamps, dass man auch was anbieten und sich generell einbringen soll. Das hat auch, finde ich, glücklicherweise gut funktioniert. Es sind Menschen gekommen, die sich selber einbringen, sehr aktiv teilnehmen und auch eigene Sessions anbieten wollten. Schon im Vorfeld wurden online auf der Website sehr viele Session-Vorschläge eingereicht und zu denen kamen noch spontane Vorschläge. Die haben wir gesammelt und dann geschaut, ob es da eine Resonanz gibt, wobei wir versucht haben, alle Session-Ideen möglich zu machen. Die Ideen reichten von: "Ich hab da einmal ein Projekt und möchte es vorstellen” bis hin zu "Ich hab‘ da mal ‘ne Frage. Wer kann sie mir beantworten bzw. wer arbeitet mit mir an der Antwort?”.

merz Wie war der Ablauf auf dem ­Medienpädagogik Praxis-Camp?
Rösch Das besondere an unserer Barcamp-Struktur war, dass wir nach der typischen, kurzen Vorstellungsrunde mit inspirierenden Statements aus Praxis und Forschung in eine Gruppendiskussion eingestiegen sind. Das hat sich aus meiner Sicht bewährt und zu der sehr guten Stimmung und der großen Inhaltlichkeit beigetragen. Ansonsten haben wir uns an die klassische Struktur gehalten – Sessionplanung und -koordination, und dann ab in die Sessions. Ganz am Ende stand wie gewohnt ein gemeinsamer inhaltlicher Austausch mit Blick auf die Zukunft. Bemerkenswerterweise waren auch da fast alle bis zum Schluss da.

merz Welches Minimum an Erfahrungen braucht man denn, um ein Barcamp zu organisieren?
Rösch Also, ich finde, wer im pädagogischen Bereich tätig ist und Projekte mit Menschen macht, also die, die an den Teilnehmenden orientiert sind, die oder der kann das machen. Und ich ­finde, Mut und Selbstrefle­xion sind das Allerwichtigste. Also, immer wieder zu überlegen, orientiere ich mich wirklich an den Teilnehmenden und was passt am besten zu der Zielgruppe. Das muss man sich immer wieder vor Augen führen, damit man nicht in alte Bahnen zurückrutscht. Und vorher ein Barcamp besuchen, das ist sicher auch nicht schlecht ...

merz Im letzten Praxis-Camp habt ihr bzw. die Teilnehmenden in den Sessions unter anderem die Themen Lightpainting und digitale Herrschaftsverhältnisse behandelt. Wie wird das in diesem Jahr am 22. und 23. September in Mainz aussehen?
Rösch Es wird, glaube ich, sehr ähnlich aus­sehen. Und wir versuchen wieder einen Rahmen herzustellen, der Menschen dazu animiert, ihre Themen mitzubringen. Ich kann jetzt nicht genau sagen, was die Themen sein werden. Wir versuchen, die Menschen zu inspirieren und zählen dann darauf, dass sie ganz viele Fragen oder Informationen mitbringen. Ich bin aber zuversichtlich, dass das funktioniert. Es ist total faszinierend, wer beim letzten Mal da war: Studierende, Leute, die in der medienpäda­gogischen Praxis sind, Forschende, Menschen, die ein bisschen mit der Medienpädagogik in Berührung gekommen sind und vielleicht noch intensiver einsteigen wollen und alte Häsinnen und Hasen. Wer dieses Jahr dabei sein möchte, kann sich auf unserer Website unter www.barcamptools.eu registrieren und als Teilnehmerin bzw. Teilnehmer oder als Teilgeberin oder Teilgeber melden, und im Herbst seine eigenen Inhalte beisteuern.

Eike Rösch ist Dozent für Medien­bildung an der Pädagogischen Hochschule Zürich und Herausgeber des Medienpädagogik Praxis-Blog. Seine Schwerpunkte im Blog sind Video, Web, Gestaltung und Präsentation.

Heft bei Kopaed bestellen

    Autor/innen: Antje Müller
    seitenanfang | druckansicht