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aus dem Heft: 2017/05: Self-Tracking. Lifelogging. Quantified Self.
in der Rubrik: aktuell

Swenja Wütscher: nachgefragt

Verena Weigand, Vorsitzende Programmberatung für Eltern e. V.

FLIMMO, den Programmratgeber für Eltern und Erziehende, gibt es kostenlos und werbefrei als Broschüre, im Internet und als App. Er bespricht das Fernsehprogramm aus Kinderperspektive und gibt Tipps zur Medienerziehung. FLIMMO ist ein Projekt des Vereins Programmberatung für Eltern e. V. Mitglieder sind dreizehn Landesmedienanstalten und das Internationale Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI). Mit der Durchführung ist das JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis beauftragt. Swenja Wütscher im Gespräch mit Verena Weigand, Vorsitzende des Vereins Programmberatung für Eltern. Sie leitet den Bereich Medienkompetenz und Jugendschutz der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM).

merz Seit 20 Jahren gibt es die Programmberatung für Eltern. Warum ist das Thema heute noch so wichtig wie damals?
Weigand Vor 20 Jahren erhielten wir viele Rückmeldungen von Eltern, dass es ihnen immer schwerer fällt, bei dem großen Programmangebot, das Kinder und Jugendliche interessiert, den Überblick zu bewahren und eine Orientierung zu finden. Es versteht sich von selbst, dass dieses Programmangebot nicht gerade kleiner geworden ist, sondern größer. Dementsprechend könnte man sagen, dass das Thema heutzutage sogar noch wichtiger ist als damals.

merz Zurück zum Anfang: Was waren die Gründe für die Entstehung des Angebots?
Weigand Ich hatte schon länger mit dem Gedanken gespielt, in der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien etwas in die Richtung zu entwickeln. Es gab aber tatsächlich einen konkreten Anlass. Im Rahmen einer Leseraktion einer Tageszeitung, bei der Leser Fragen zum Thema Medien äußern konnten, wurde unser damaliger Präsident von Eltern geradezu mit Fragen bestürmt, nach einzelnen Sendungen, was für ihre Kinder gut sei, wie lange Kinder fernsehen dürften. Er war überrascht und beeindruckt, und hat daraufhin das Signal gegeben, zusammen mit dem JFF ein diesbezügliches Angebot entwickeln zu können.

merz Was sind denn die zentralen Anliegen von FLIMMO?
Weigand Ein wichtiges Anliegen ist natürlich die Förderung der Medienkompetenz, die zu unseren Kernaufgaben gehört. Für die Eltern wird es immer schwieriger, den Überblick zu bewahren, und die Rückmeldungen zeigen uns, dass sie deshalb FLIMMO auch gerne nutzen. Außerdem versteht sich FLIMMO als Anwalt der Kinder, er hat eine besondere Sicht auf das Angebot – nämlich mit Kinderaugen.

merz Wie wird denn gewährleistet, dass unterschiedliche Zielgruppen von FLIMMO profitieren
können?
Weigand FLIMMO hat diesbezüglich verschiedene Wege eingeschlagen. Zum einen ist das Angebot so aufbereitet, dass sich Personen angesprochen fühlen, die Beratungsbedarf haben. Zum andern durfte es nicht zu kompliziert sein, deshalb sind die Sendungsbeschreibungen sehr kurz gehalten. Wir wollten aber keine einfachen Rezepte, deshalb kein Ampelsystem, eher das Gespräch und das Nachdenken über die Mediennutzung in der Familie anregen. Zudem sollte das Angebot kostenfrei sein. Nachdem er dann in einer relativ großen Stückzahl produziert und verteilt werden musste, ist man auf die Idee gekommen, Multiplikatoren mit ins Boot zu holen. Das waren am Anfang die klassischen Multiplikatoren: Schulen und Kindergärten. Anschließend sind immer mehr dazugekommen. Zum Beispiel haben uns tatsächlich Apotheken und Kinderarztpraxen angesprochen, ob sie nicht ein Kontingent bekommen könnten, um es auszulegen. Das war natürlich genial. FLIMMO hat noch keinen Cent für Werbung ausgegeben.

merz Worin unterscheidet sich FLIMMO von anderen Ratgebern zur Medienerziehung?
Weigand Zum einen im Anspruch, das lineare Fernsehprogramm im Hinblick auf kinderrelevante
Sendungen abzubilden. Eine sehr große Herausforderung, die mit den neuen Verbreitungswegen in dieser Form wohl nicht mehr gewährleistet werden kann. Aber wir wissen auch, dass bei der Hauptzielgruppe der Drei- bis Zehnjährigen noch viel über das lineare Fernsehen abläuft: Es ist immer noch das Leitmedium dieser Altersgruppe. Das macht meines Wissens kein anderes Angebot. Auch diese starke Betonung der Kinderperspektive ist einmalig – was von strengen Pädagogen auch mal kritisiert wird. Es sind ja keine Empfehlungen und kein Gütesiegel. Kindern dürfen auch einen Unterhaltungsanspruch haben, solange eine Sendung nicht schadet. Und natürlich ist jede dieser Programmbeschreibungen wissenschaftlich fundiert. Die Kriterien, die zu den Einstufungen führen, sind transparent.

merz Gibt es Themen aus 20 Jahren FLIMMO, die Ihnen besonders stark in Erinnerung geblieben
sind?
Weigand Wir waren am Anfang nicht sicher, wie die Fernsehprogrammanbieter reagieren würden. Da war zu Beginn auch eine große Zurückhaltung zu spüren, bis hin zu durchaus negativen Aussagen, vor allem vor dem Erscheinen des ersten Heftes. Das hat sich aber gewandelt, FLIMMO wird auch von den Anbietern akzeptiert. Ein zweiter Punkt: Trotz der digitalen Entwicklung bekommen wir immer wieder die Rückmeldung von Eltern und Multiplikatoren, dass keiner auf das gedruckte Heft verzichten will. Und leider können wir aus finanziellen Gründen den bestehenden Bedarf nicht decken.

merz Was für Ansprüche haben Eltern im Jahr 2017 denn an eine Programmberatung?
Weigand Orientierung zu bekommen! Früher haben Pädagogen immer gefordert, dass man
Kindern nur Sachen zum Anschauen geben soll, die man selbst auch gesehen hat. Das kann man aber längst keinem Elternteil mehr zumuten. FLIMMO bietet Eltern eine Entlastung, auf die sie sich verlassen können. ‚Setzt euch mal dazu oder seid in der Nähe‘– das sind natürlich dennoch gute Ratschläge. Mithilfe von FLIMMO können Eltern geeignete Sendungen auswählen oder bei Wünschen ihrer Kinder kurz nachschauen – und bekommen dann im Überblick die wichtigsten Informationen.




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    Autor/innen: Swenja Wütscher
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