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aus dem Heft: 2018/02: Kita digital: Frühe Medienerziehung
in der Rubrik: aktuell

Nicole Lohfink: nachgefragt

Maryanne Redpath, Leiterin der Sektion Generation der Berlinale

Nicole Lohfink hat mit Maryanne Redpath, Leiterin der Sektion GENERATION der Internationalen Filmfestspiele Berlin, über das Profil der Sektion Kinder- und Jugendfilme, die wirtschaftliche Wirklichkeit sowie das Genre Film und dessen Bedeutung für junge Menschen gesprochen.

merz Sie sind bereits seit über 20 Jahren mit dem Festival verbunden. Wenn man so viele Jahre Zeit hat, eine Sektion wachsen zu lassen, was kann man über den Verlauf der Entwicklung sagen?
Redpath Sie ist nicht linear gelaufen. Die Sektion fing vor 41 Jahren an und hieß Kino für Leute ab sechs Jahren, was kein gängiger, attraktiver Titel für eine Sektion innerhalb eines großen Festivals ist. Mit den Kindern wurde damals sehr pädagogisch gearbeitet und nach zwei, drei Jahren wurde gesagt ‚ein Kino ist viel mehr, als Kinder immer wieder zu fragen, was sie aus dem Film gelernt haben‘. Ab ca. 1981 entschied man sich daher für den Namen Kinderfilmfest. Ich bin Mitte der 90er Jahre dazugestoßen. Wir haben immer herausfordernde Filme für junge Menschen gezeigt, mit ganz präzisen, vorsichtig ausgedachten Altersempfehlungen, die nach oben offen sind. Anfang der 2000er haben wir über einen weiteren Wettbewerb diskutiert, denn viele Filme waren nicht ganz für die Altersgruppen geeignet und hätten den Rahmen des Kinderfilmfestivals gesprengt. Am Ende wurde daraus die Idee, dass das Kinderfilmfest zu Kplus wird, dazu haben wir 14plus, und die Überschrift für der Sek­tion heißt GENERATION. Es steigert die Auswahl für den zweiten Wettbewerb, was natürlich viel mehr Arbeit macht, der Sektion aber auch mehr Aufmerksamkeit eingebracht hat, in der deutschen Filmbranche und international. Und es hat sowohl den unter Achtjährigen, als auch den Ab-14-Jährigen ermöglicht, ein Zuhause innerhalb des Festivals zu finden.

merz Es gibt viele Filme, die aus Erwachsenensicht über Kinder erzählen und moralisieren. Es ist manchmal schwer, Filme für Kinder zu finden. Wie entwickelt sich Kplus aus dieser Perspektive?
Redpath Wir suchen eigentlich immer Filme, die mit Kindern sind, nicht über Kinder. ‚Mit‘ heißt Filme, die dann mehr auf Augenhöhe sind. Wir haben Filme, die man Kinderfilm nennen kann. Aber es gibt auch sehr viele, die nicht ausschließlich für Kinder oder für junge Menschen gemacht sind. Das heißt, dass auch ältere Menschen zu den Kplus-Filmen kommen und ebenfalls etwas für sich entdecken. Das ist diese feine Linie, die wir da fahren.

merz Welche Filme meinen Sie?
Redpath Es sind nicht immer richtige Kinderfilme, in dem Sinne, wie wir dieses Label ‚Kinderfilm‘ verstehen. In der Filmindustrie und auch in der Welt heißt Kinderfilm eigentlich, dass sich ein Film richtig ‚gut benimmt‘, so wie sich ein Kind gut benehmen soll – mit einem Anfang, einer Mitte und einem Happy End. Viele Filme, die wir zeigen, halten sich nicht an diese Regeln. Das junge Publikum, das zu Kplus kommt, begrüßt die Möglichkeit, Filme zu sehen, die sie vielleicht normalerweise nicht in den Kinos sehen werden, aus vielen verschiedenen Ländern dieser Welt, wo es manchmal um Herausforderungen im Leben geht, die man vielleicht nicht in einem Kinderfilm erwartet.

merz Es kommt häufig vor, dass Filme mit Kindern und Jugendlichen als Protagonistinnen und Protagonisten als Kinderfilm abgestempelt werden und sozusagen die Konnotation ‚weniger bedeutsam‘ erhalten. Was sind Ihre Erfahrungen?
Redpath Es hängt davon ab, mit wem ich rede. Es gibt einen wahnsinnig schönen Diskurs mit unserer Zuschauergeneration Kplus und 14plus über die Filme, die sie sehen. Das überrascht manchmal die Filmemacher, die sagen, dass sie gar keinen Kinderfilm gemacht haben. Ich sage wiederum ‚entdecken Sie bitte auch das junge Publikum für Ihren Film‘. Alle Filme, die bei GENERATION laufen, sind auf Festivals weltweit eingeladen. Das ist überhaupt kein Problem und normal. Aber, dass sie dann die Möglichkeit haben, hier in Deutschland in die Kinos zu kommen, ist schwierig. Da müssen sehr viele Sachen passieren und es ist ein schwieriger Schritt für die Industrie.

merz Warum, glauben Sie, ist das so?
Redpath Es geht um das Verständnis, um Geld­freiheit, um die Frage, ob junge Menschen das Geld in die Kinos bringen. Es ist ein Business. Man behauptet, dass junge Menschen nicht mehr ins Kino gehen, dass sie zu Hause sitzen und ihre Computer angucken. Ich sehe Jahr für Jahr bei GENERATION, dass das nicht der Fall ist. Wenn sie ein Angebot von guten Filmen haben, dann kommen Zehntausende zu uns, engagieren sich mit den Filmemachern und nehmen am Festival teil. Sie sind hungrig danach und geben wiederum den Filmemacher und Filmemacherinnen Anstöße, wie sie die gesehenen Filme verstehen und wahrnehmen. Das ist ein sehr interessanter Prozess, der im Rahmen des Festivals passiert. Da gibt es zwischen Festival-Arbeit und -Vorführung und den Vorführungen im normalen Kino ein Riesenloch. Wir werden nicht müde, Verleiher und Produzenten anzusprechen, wie sie Filme, die keine große Marketingstrategie ausschließlich für Kinder oder Familien haben, intelligent für ein junges Publikum vermarkten können. Aber die Sachen bewegen sich ziemlich langsam.

merz Welche Bedeutung haben Kinder und Jugendliche als Protagonistinnen und Protagonisten für den Film?
Redpath Eine große Bedeutung. Oft sind es Laiendarsteller, die das erste Mal vor der Kamera spielen. Wenn der Regisseur oder die Regisseurin dann klug mit diesen jungen Menschen im Rahmen der Geschichte und der Handlung umgeht, werden wir als Zuschauer von diesen jungen Menschen in eine Welt eingeladen. Welche Präsenz diese jungen Menschen auf der Leinwand haben, ist wichtig, und, dass wir ihre Welt durch ihre Augen und ihre Perspektive als Zuschauer erleben dürfen. Die Kinder drehen die Filme nicht. Es sind auch keine Kinder, die das Festival dann organisieren. Wir können nur offen sein für das, was von jungen Menschen kommt.

merz Ein anderer Teilbereich, der dieses Jahr spannend war, betrifft weibliche Helden und weibliche Beteiligung im Filmbereich. Spiegelt sich das Thema mittlerweile auch in den Filmen wieder, also zum Beispiel die Anzahl weiblicher Protagonistinnen?
Redpath Der Anteil weiblicher Regisseurinnen bei GENERATION lag in diesem Jahr bei beiden Wettbewerben bei 51 Prozent. Wir haben nicht bewusst nach Frauenfilmen von Frauen gesucht, aber das hat sich ergeben. Wir beteiligen uns natürlich auch an dieser Debatte. Auch, was die Darstellung und Bedeutung von Mädchen und jungen Frauen in den Filmen, die wir zeigen, angeht. In unseren Filmen gibt es für die jugendlichen Menschen gute, interessante und herausfordernde ­Rollenmodelle – positiv wie negativ, aber auch männlich und weiblich –, die einen Anstoß zum Reflektieren, Wahrnehmen und Diskutieren geben. Das ist etwas, was Kino für alle Menschen und auch für junge Menschen machen kann.

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    Autor/innen: Nicole Lohfink
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