Inhalt

aus dem Heft: 2018/02: Kita digital: Frühe Medienerziehung
in der Rubrik: thema

Günther Anfang, Klaus Lutz: Medienerziehung in der Kita

Editorial

Die voranschreitende Digitalisierung macht auch vor der Kita nicht Halt. Diese Entwicklung wird sowohl in der Fachwelt wie auch unter den Eltern sehr ambivalent beurteilt. Vor allem im Elementarbereich besteht ein breiter Konsens, dass ein möglichst "naturnahes Aufwachsen" die ideale Grundlage für eine gesunde Entwicklung der Kinder bietet. Das Konzept der Waldkindergärten hat vor allem in der Stadt eine zunehmend hohe Akzeptanz. Natürlich ist es für Kinder von großem Wert, wenn sie die Möglichkeit haben, auf Bäume zu klettern, im Matsch zu spielen oder Käfer und Regenwürmer zu sammeln. Bedenklich wird es aber dann, wenn diese Form des Aufwachsens so stark idealisiert wird, dass jede Minute, die das Kind mit anderen Dingen als der primären Naturerfahrung verbringt, zu vermeiden sei. Vor allem die Medien sind dabei Zielscheibe der Kritik. Viele Eltern und pädagogische Fachkräfte erleben das Interesse der Kinder an Mediennutzung als Bedrohung in der Eltern-Kind-Beziehung, weit vor der Entfremdungsphase in der Adoleszenz. Es herrscht Unverständnis, nicht selten sogar Entsetzen über die magische Anziehungskraft digitaler Geräte wie Handys, Tablets oder Spielekonsolen. Die Probleme, die das Aufwachsen mit sich bringt, werden nicht selten direkt den Medien zugeschrieben – schlechte Schulleistungen, Übergewicht, Konzentrationsschwierigkeiten und vieles mehr. Vor allem die Hirnforschung liefert hierfür den wissenschaftlichen Unterbau: Kaum ein schwarzes Brett in einem Kindergarten, an welchem nicht Artikel über die Mutation von Kinderhirnen durch den Mediengebrauch angepinnt sind, die oft in apokalyptischer Weise die Zukunft beschreiben, in die unsere Kinder hineinwachsen. Einer sachlichen Auseinandersetzung mit dem Thema ist hierdurch oft der Weg verstellt. Die Welt ist aber nicht schwarz oder weiß, für Erziehung gibt es keine Patentrezepte, und die Überzeugung, dass früher alles besser war, hilft auch selten weiter. Es gilt also vielmehr, sich differenziert mit dem Aufwachsen in einer digitalisierten Gesellschaft auseinanderzusetzen. Denn der Mensch ist ein "Hybridwesen" – wie es der französische Soziologe Bruno Latour beschreibt. In diesem Sinne definiert sich der Mensch sowohl durch sein Verhältnis zur Natur, als auch zu der von ihm geschaffenen technischen Welt. Wenn wir diese Wechselseitigkeit ernstnehmen und die Interessen der Kinder ins Zentrum unserer Bemühungen stellen, gilt es, ihnen den Zugang zu einer vielfältigen, facettenreichen Welt zu erschließen. Dies ist auch ganz im Sinne der UN-Kinderrechtskonvention. Kinder haben ein Recht auf Information, auf Bildung, auf Teilhabe – auch mit, durch und in den Medien. In diesem Heft wird der Frage nachgegangen, vor welchen Herausforderungen Kitas stehen, wenn sie sich entschließen, die digitalen Medien in ihre Konzeptionen mit einzubeziehen. Dabei sind mehrere Hürden zu überwinden: Skeptische Eltern, die Medien kritisch betrachten und zumindest teilweise am liebsten eher die medienfreien Kitas bevorzugen, medienpädagogisch unerfahrenes pädagogisches Personal sowie fehlende technische Ausstattung, die einen sinnvollen Medieneinsatz in der Kita erschwert. Es gibt aber auch positive Erfahrungen in Modellversuchen sowie politische Signale, die sich für eine frühkindliche Medienbildung stark machen. In diesem Heft wird deshalb der aktuelle Stand der Diskussion um eine zukünftige medienpädagogische Ausrichtung der Kita beleuchtet und es werden Erfahrungen, Konzepte und Modellprojekte vorgestellt, die den Weg zur ‚Kita digital‘ eröffnen.

Zu diesem Heft

Medienarbeit in der Kita sollte sich nach Günther Anfang und Kathrin Demmler an den Grundbedürfnissen der Kinder und ihren altersbedingten Fähigkeiten orientieren. In ihrem Beitrag zur Medienkompetenzförderung in der Kita formulieren sie, dass sich die dortige Medienarbeit immer in ein pädagogisches Gesamtkonzept einordnen muss und niemals der körperlichen, gesellschaftlichen, gefühlsmäßigen und gedanklichen Entwicklung der Kinder im Wege stehen darf. Aus medienpädagogischer Sicht bedeutet dies, Medien für Kinder frühzeitig als Produktionsmittel erfahrbar zu machen, um aufzuzeigen, dass die Medien für unterschiedlichste Begabungen und Interessen Möglichkeiten bieten, sich kreativ auszudrücken und anderen die eigene Sichtweise der Welt mitzuteilen. Medien werden dabei als integrativer Bestandteil des sozialen und gesellschaftlichen Lebens begriffen und die Vermittlung von Medienkompetenz als grundlegende Aufgabe der Kita umrissen. Ziel einer Medienarbeit in der Kita ist, nach Anfang und Demmler, Kinder und Jugendliche für ein souveränes Leben mit Medien stark zu machen und ihre Medienkompetenz zu fördern. Am Beispiel eines Modellprojekts einer Münchner Kita zeigen die Autorin und der Autor auf, dass Medienarbeit in der Kita gelingen kann und dies viele Potenziale der Förderung von Medienkompetenz beinhaltet. Wissenschaftlich fundiert wird diese Erkenntnis im Beitrag von Jasmin Bastian, Stefan Aufenanger und Hans-Uwe Daumann. Im Projekt KiTab.rlp wurde die Verwendung von Tablets über ein Jahr lang in drei rheinland-pfälzischen Kindereinrichtungen erprobt. In regelmäßigen Abständen wurden dabei Erziehende sowie Eltern zu ihren Einstellungen, Meinungen und Erwartungen befragt und parallel die Tablet- Nutzung beobachtet. KiTab.rlp beleuchtet darüber hinaus die Wahrnehmung der Erzieherinnen und Erzieher zum Umgang mit dem Tablet und die Einschätzung eigener Kompetenzen im Rahmen des Einsatzes digitaler Medien in der Kindertageseinrichtung. Die Auswertung gibt wichtige Aufschlüsse über die Hürden und Stolpersteine, aber vor allem über den Nutzen und die Potenziale sowie den Abbau von Vorurteilen gegenüber mobilen Geräten, die mit dem Einsatz des digitalen Werkzeugs Tablet in Kindereinrichtungen verknüpft sind. Im Interview mit Eva Reichert-Garschhammer zu Chancen der Digitalisierung im Bildungssystem Kita wird deutlich, dass noch einige Hürden zu überwinden sind, um auch Eltern und pädagogische Fachkräfte von Medienpädagogik in der Kita zu überzeugen. Sie zeigt auf, dass sich Kitas in einem enormen Spannungsfeld befinden, da sie nach den Bildungsplänen der Länder im Sinne einer kind- und lebensweltorientierten Frühpädagogik seit inzwischen 15 Jahren verpflichtet sind, Medienbildung zu leisten, die Diskussion um eine medienfreie Kita dem jedoch immer wieder entgegensteht. Kinder sind nach Meinung Reichert-Garschhammers am besten vor Medienrisiken geschützt, je früher sie sich in einem begleiteten, kindgerechten und zeitlich dosierten Rahmen mit Medien aktiv, kreativ und kritisch auseinandersetzen und so Medienkompetenz entwickeln. Sie plädiert deshalb dafür, Eltern und Fachkräfte darüber zu informieren und Vorurteile abzubauen. Klaus Lutz beschreibt in seinem Artikel, dass eine Unterscheidung zwischen realer und virtueller Welt so nicht mehr gegeben ist und Kinder von Anfang an mit Medien aufwachsen. Während in der Schule der Umgang mit Medien als wichtiges Ziel erkannt wurde, herrscht im Bereich der Kita nach wie vor große Skepsis. Viele Eltern von Kindern im Alter bis sechs Jahren sind der Überzeugung, dass die Verfügbarkeit von Medien oder eine hohe Mediennutzung den natürlichen Lehr- und Lernraum für ein gesundes Aufwachsen empfindlich stören. Dem stellt Lutz einen Paradigmenwechsel mit Blick auf die Medien gegenüber, die unser Leben in einer atemberaubenden Geschwindigkeit zunehmend verändern. Sich mit ihnen zu beschäftigen, bedeutet nicht, sie unkritisch und mit blinder Technikbegeisterung in all unsere Lebensbereiche aufzunehmen. Als aktiv genutztes Gestaltungsinstrument ermöglichen sie jedoch vielen Menschen, die Zukunft zu begreifen. Um dies zu gewährleisten, bedarf es einer Annäherung an Medien, auch schon bei den Allerkleinsten. Dass digitale Technologien auch in der musikalischen Kinder- und Jugendbildung stetig an Bedeutung gewinnen, beschreibt Matthias Krebs in seinem Artikel zu Musikmachen mit dem Tablet in der Kita. In Musikschulen, im Nachmittags-bereich von Schulen, in Sozial- und Kultureinrichtungen werden Angebote erprobt, in denen Kinder und Jugendliche kreativ-gestalterisch mit Musik-Apps umgehen. Dabei steht im Mittelpunkt, dass Kinder ohne Zwang und Überforderung an gestalterische, kollaborative Projekte mit digitalen Technologien herangeführt werden. Der Autor beschreibt einige Musik-Apps, die in begleiteten Settings das klangliche Experimentieren unterstützen können. Darin werden die bekannten und etablierten Instrumente der ‚analogen Welt‘ nicht ersetzt, sondern durch neue Ausdrucksmöglichkeiten ergänzt. Neue Zielgruppen können sich einen kreativen Umgang mit Musik erschließen und sich damit neue Erfahrungsräume eröffnen. Im Interview mit Sabine Eder vom Verein Blickwechsel e.V. wird deutlich, dass sich durch den raschen Wandel der Medienlandschaft in der Kita einiges geändert hat. Vieles ist handlicher und einfacher geworden. Medienpädagoginnen und -pädagogen stehen andererseits vor Her-ausforderungen vernetzer Welten, zum Beispiel in Bezug auf den Datenschutz oder die Persönlichkeits- und Urheberrechte. Hier herrscht, laut Eder, eine große Verunsicherung. In vielen Kitas dürfen keine Fotos mehr gemacht werden, weil die Sorge darüber, wo sie verbreitet werden, zu groß geworden ist. Hinzu kommt eine unglaubliche Schnelllebigkeit, angefangen von Apps, die ständig aktualisiert werden, bis hin zu Streamingdiensten, auf denen Kinder Filme oder Serien schauen, von denen Erziehende zumeist zuvor noch nichts gehört haben. Umso wichtiger sei das Interesse und die Offenheit, mit den Kindern und deren Eltern in den Austausch zu kommen und neugierig zu bleiben, sie zu begleiten und sie dabei zu unterstützen, ihren Medienkonsum zu reflektieren. Abschließend zeigt Anna Hielscher in ihrem Artikel auf, wie eine Frühförderung von sehbehinderten Kindern mit Medien aussehen kann. Für Menschen mit Beeinträchtigung eröffnen digitale Medien große Chancen. Mögliche sinnesspezifische Förderziele beim Einsatz digitaler Medien können so unter anderem die Förderung von Fähigkeiten zum Abgleich und Vergleich sowie zur Raum-Lage-Orientierung, Detailerkennung, Abstraktionsfähigkeit und Beweglichkeit der Augen darstellen. In der Frühförderung können digitale Medien und Apps daher sinnvoll eingesetzt werden, um die Wahrnehmungsbedingungen und Handlungsspielräume von Kindern sowie Pädagoginnen und Pädagogen zu erweitern. Grundsätzlich weisen alle Beiträge des Hefts darauf hin, dass Medien in der Praxis der Kita immer mehr an Bedeutung gewinnen, ob als Instrumente, um Menschen mit Beeinträchtigung zu fördern, oder als kreative Werkzeuge zur Gestaltung des Alltags oder einfach nur, um Spaß zu haben.

Günther Anfang ist Leiter des Medienzentrums München des JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis. Seine Schwerpunkte sind Medienprojekte mit Kindern und Jugendlichen, auch an Schulen und in Kindertagesstätten.
Klaus Lutz ist pädagogischer Leiter des Medienzentrum PARABOL e. V. in Nürnberg, Fachberater für Medienpädagogik im Bezirk Mittelfranken sowie Dozent an der Simon-Georg-Ohm Hochschule in Nürnberg.

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