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aus dem Heft: 2018/03: Orientierung in einer komplexen Welt
in der Rubrik: aktuell

Antje Müller: nachgefragt

Ida Pöttinger, Sprecherin der GMK-Fachgruppe Global Media Literacy

Antje Müller sprach mit Dr. Ida Pöttinger, Sprecherin der GMK-Fachgruppe Global Media Literacy und Gründungsmitglied der International Association for Media Education (IAME), über Zielstellungen und Beweggründe für den Aufbau des gemeinnützigen medienpädagogischen Vereins und Netzwerks IAME.

merz Sie haben als Vertreterin der GMK Ende 2016 den medienpädagogischen Verein IAME in Brüssel mit begründet. Womit befasst sich IAME?
Pöttinger IAME ist ein Zusammenschluss verschiedener Organisationen und Personen. Die Gründungsmitglieder arbeiten fast ausschließlich ehrenamtlich am Aufbau mit. Uns eint die Erkenntnis, dass eine Arbeit auf nationaler Ebene nicht ausreichend ist. Medien und die Medienindustrie arbeiten international. Die Probleme hinsichtlich Datenschutz, Fake News, Social Media oder der Algorithmisierung des Alltags sind weltweit dieselben. Auch die Strukturen sind zum Teil identisch: Viel Informatikunterricht, wenig kreativer oder reflektierter Umgang mit Medien. Der inhaltliche Druck auf die Politik ist höher, wenn man gemeinsam auftritt. Es gibt zwar mit der Global Alliance for Partnerships on Media and Information Literacy (GAPMIL) eine aktive UNESCO-Organisation. Sie erarbeitet medienpädagogische Programme für die Lehrerbildung, unter anderem für Kenia, Puerto Rico oder Korea. Das Problem bei dieser Organisation ist allerdings, dass sie nach dem Top-Down- Prinzip funktioniert. IAME dagegen ist eher eine Bottom-Up-Community, in der sich Mitglieder einbringen sollen und ein gleichberechtigter Austausch zu aktuellen Themen angestrebt wird.

merz An wen richtet sich IAME genau?
Pöttinger An alle, die mit Medienpädagogik zu tun haben. Hier in Deutschland ist die Struktur ja relativ einfach, es gibt das JFF und die GMK. Alle Medienpädagoginnen und Medienpädagogen, egal ob sie einzeln oder in einem größeren Verband arbeiten, erhalten über diese Organisationen Informationen und können sich untereinander austauschen. In anderen Ländern ist das ganz anders. In Frankreich zum Beispiel wird Medienpädagogik in den Ganztagsschulunterricht integriert. Das heißt, es gibt viele über das ganze Land verstreute Lehrkräfte, die sich allein gelassen fühlen und höchstens auf verschiedenen Tagungen zusammenkommen. An die wendet sich unser Verein auch.

merz Auf welche Themenfelder und Arbeitsbereiche hat sich IAME spezialisiert?
Pöttinger Wir verstehen uns in erster Linie als Austauschplattform und widmen uns aus diesem Grund in sieben Arbeitsgruppen sieben verschiedenen Themenfeldern. Dabei haben wir eine ähnliche Struktur wie die GMK. Dort ist es so, dass es Untergruppen gibt, die sich um bestimmte Themenbereiche kümmern, die sogenannten Fachgruppen. So in etwa machen wir das auch. Eine Arbeitsgruppe befasst sich mit Forschung auf dem Gebiet Medienbildung. Eine andere Gruppe hat sich den Schwerpunkt neue Medien und ihre Herausforderungen gesetzt. Wieder eine andere Arbeitsgruppe beschäftigt sich beispielsweise mit Produktionen in der medienpädagogischen Praxis, eine weitere mit neuen Medien und Kultur. Es gibt zudem eine Gruppe, die sich mit rein strategischen Fragen befasst. Also beispielsweise mit der Frage, wie Medienpädagogik in die internationale Politik einfließen kann. Im sechsten Aufgabenbereich geht es um Medienerziehung in inter- sowie transkulturellen Gesellschaften. Und schließlich gibt es noch eine Arbeitsgruppe zum frühkindlichen Medienzugang. Die medienpädagogische Praxis ist also gut abgebildet.

merz Was wären Gründe für Medienpädagoginnen und Medienpädagogen dem Verein beizutreten?
Pöttinger Zu unseren drei Hauptzielen gehört erstens, dass Medienbildung überall in Europa sichtbar wird, und nicht nur wahrgenommen wird, wenn etwas schief gegangen ist. Zweitens wollen wir Ressourcen, didaktische Ansätze und Wissen austauschen. Drittens unterstützen wir uns gegenseitig und treten als Interessensvertretung auf. Aus diesen drei Hauptzielen kann abgeleitet werden, wie die künftige Arbeit aussehen wird. Im Vordergrund stehen das gegenseitige Kennenlernen und das Knüpfen von Partnerschaften. Wenn ich bestimmte Vorstellungen von einem Projekt habe und Partner suche, dann kann ich mich beispielsweise an IAME wenden. Hilfreich sind zudem länderübergreifende Diskussionen von Forschungsergebnissen, von fachlichen Stellungnahmen zu aktuellen Themen oder der Austausch von Informationen zu Tagungen in ganz Europa.

merz Gibt es schon konkrete Planungen für einen regelmäßigen Mitgliederaustausch?
Pöttinger Ja, die gibt es. Wir sind gerade dabei, die erste Tagung und die Wahl eines Vorstandes zu planen. Die erste Generalversammlung und eine damit verbundene Tagung findet vom 1. bis 3. Juli 2018 in Lucca, Italien statt. Zu dem dreitägigen englischsprachigen Treffen werden unter anderem David Buckingham aus Großbritannien und Normand Landry aus Kanada erwartet. Sie werden die Keynote-Speaker sein. Dazu wird es, ausgehend von den beschriebenen Arbeitsbereichen, mehrere Workshops geben. Der Fokus der Tagung liegt auf dem Thema Fake News. Was kann strategisch und pädagogisch getan werden, damit Informationsbeschaffung transparenter wird? Kann man beispielsweise gesetzliche Regulierungen einführen? Ist es gut, wenn der Staat diese Regulierungen vollzieht?

merz In welche Richtung möchte sich der Verein weiterentwickeln, wenn er sich etabliert hat?
Pöttinger Wir hoffen natürlich, dass IAME eine Art ‚pressure group‘ wird, die gemeinsam beschlossene Vorschläge durchsetzt, sodass wir der Politik als starker Verband ein Signal senden können. Es gibt noch keine konkrete Agenda. Tatsache ist jedoch, dass sich auch in anderen Gründungsländern die Medienpädagoginnen und -pädagogen überfordert fühlen. Medienpädagogik soll alles richten, was Politik falsch macht oder wo sie vor großen Konzernen einknickt. Die IAME-Gründungsmitglieder sind unabhängig, verfügen über langjährige Erfahrung und sind oft genug empört, dass sich so wenig tut. Fake News ist nur unser erstes Thema, das wir mit Expertinnen und Experten aus mehreren Ländern diskutieren und unter medienpädagogischen und politischen Aspekten auswerten möchten. Es werden andere Themen folgen, aber wir möchten, dass die Mitglieder die Themen bestimmen. Die Pannen, die trotz Verschlüsselung von Daten passieren und die unübersichtlichen Hackerangriffe, das Darknet mit seinen Waffen- und Pornoangeboten liefern Themen genug. Wir möchten uns aber nicht auf die Jugendschutzseite konzentrieren, sondern darauf, wie wir Kinder, Jugendliche und Erwachsene in dieser komplizierten Welt begleiten können. Meine Vorstellung wäre, bürgernahe Hotspots zu schaffen, an denen alle Menschen konkrete Unterstützung bei Problemen mit Medien erhalten. Darüber hinaus könnten Kreativ-Kurse für Kinder und Jugendliche angeboten werden, um die Möglichkeiten und Grenzen beim Umgang mit Medien aufzuzeigen. Das PIXEL am Kulturzentrum Gasteig in München wäre so ein Beispiel. Aber das ist Zukunftsmusik.
Weitere Informationen: www.iame.education

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    Autor/innen: Antje Müller
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