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Digitale (Lern-)Strategien an Schulen weiter unzureichend

Digitalen Medien begegnet man heute überall. Sie sind bereits im Kindesalter fest in den Alltag integriert. Diese Entwicklung spiegelt sich jedoch weiterhin kaum in den Schulen wieder. Die digitale Alltagswelt der Kinder und Jugendlichen wird nach wie vor kaum im Unterricht aufgegriffen. Insbesondere im Grundschulbereich sind digitale (Lern-)Strategien absolute Ausnahmen. Wieso nehmen Schulen eine eher konservative Haltung gegenüber neuen Technologien ein und wie lassen sich diese Widerstände in Zukunft überwinden?

Noch immer werden digitale Medien überwiegend zuhause und in der Freizeit genutzt und sind bislang kaum in den Schulalltag integriert. Zu den digitalen Geräte, die in der Schule zumindest teilweise verwendet werden, zählen vor allem stationäre Computer (79 Prozent), Whiteboards (52 Prozent), Smartphones (47 Prozent) und Notebooks (37 Prozent), so die JIM-Studie 2017. Seltener wird mit Tablets gearbeitet. Die Studie Digitalisierung in Bildungseinrichtungen 2018 zeigt hingegen auf, dass bereits bei knapp der Hälfte der in der Studie befragten Einrichtungen Soziale Medien vertreten sind und nahezu alle Bildungseinrichtungen über einen Internetzugang verfügen. Dennoch finden digitale Medien nur selten Einsatz an deutschen Schulen, so das Ergebnis der Studien Total digital? 2015 und der KIM-Studie 2016. So verwendet nur ein Drittel der befragten Schülerinnen und Schüler den Computer mindestens einmal pro Woche im Unterricht. Außerhalb der Schule sind die Nutzungszahlen allerdings laut Total digital? deutlich höher. Ähnlich verhält es sich bei der Internetnutzung. Während 99 Prozent der Internetnutzenden das World Wide Web regelmäßig zuhause nutzen, wird es in der Schule nur von 37 Prozent verwendet. Mit zunehmendem Alter steigt die Nutzung digitaler Medien sowohl zuhause als auch an den Schulen. Ältere Kinder einer weiterführenden Schule nutzen Computer dabei durchschnittlich doppelt so häufig wie Grundschülerinnen und -schüler. Dennoch zählen sich laut KIM-Studie 2016 ebenso über die Hälfte der Grundschülerinnen und -schüler zu den Computernutzerinnen und -nutzern, auch wenn die Nutzung vorrangig außerhalb der Schule stattfindet. Bereits hier sollten Schulen ansetzen und neue Technologien zum Bestandteil des Unterrichts machen. Kinder sollten von Beginn an die Möglichkeit erhalten, sich Fähigkeiten zum kompetenten Umgang mit Medien anzueignen, um sich selbstreflexiv und kritisch mit Medien auseinandersetzen zu können. Insbesondere Kompetenzen wie das Finden von Informationen im Internet, das Kommunizieren im Netz oder das Verändern von Computereinstellungen eignen sich Jugendliche noch größtenteils selbst an, während Lehrerinnen und Lehrerinnen und Lehrer einen geringen Anteil dazu beitragen (können). Lediglich im Erstellen von Dokumenten für Hausaufgaben erfasst Total digital? einen ähnlich hohen Anteil derer, die sagen, sie hätten diese Kompetenz eigenständig erworben und denen, die dieses Wissen von ihren Lehrkräften vermittelt bekommen.

Damit der Kompetenzerwerb in der Schule gelingt, müssen Lehrende didaktisch entsprechend geschult und technisch fit sein. Lehrkräfte selbst besitzen jedoch oft nur geringe Kenntnisse im Umgang mit neuen Technologien. So halten 43 Prozent Schülerinnen und Schüler laut einer Schülerbefragung von YouGOV 2016 ihre Lehrerinnen und Lehrer für gar nicht oder wenig kompetent. Auch unter den Lehrkräften selbst besteht nur geringes Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. So würden sich im vergangenen Jahr innerhalb der Befragung von Bertelsmann nur 15 Prozent zu den befähigten Nutzerinnen und Nutzern digitaler Medien zählen. Laut Studie Digitalisierung in Bildungseinrichtungen 2018 beherrschen sie jedoch in der Regel die gängigen Basisanwendungen. Oft reichen jedoch ihre Kenntnisse nicht für die Integration von sozialen Medien und der Wissensvermittlung durch digitale Instrumente bis hin zur Programmierung und Gestaltung von Webanwendungen aus. Teilweise scheinen ihnen die Schülerinnen und Schüler hier sogar voraus zu sein. Da digitale Angebote und Technologien in der Ausbildung nicht ausreichend behandelt werden und oftmals auch Zeit zur Einarbeitung in das Thema fehlt, ist die fachliche Kompetenz der Lehrkräfte häufig nicht ausreichend. Weiterhin bremsen aus Sicht der Lehrkräfte auch Sorgen um die Datensicherheit und fehlende finanzielle Mittel die Digitalisierung an Schulen aus. Ein weiteres Hindernis besteht wiederum darin, dass das pädagogische Potenzial der Digitalisierung von Schulen und Lehrkräften oft verkannt und neue Technologien eher als Bedrohung denn als Chance wahrgenommen werden. Nicht einmal jede bzw. jeder vierte Lehrerin bzw. Lehrer ist davon überzeugt, dass digitale Medien den Lernerfolg der Schülerinnen und Schüler verbessern können, so die Studie Monitor Digitale Bildung 2017. Einen umgekehrten Trend zeichnet dagegen Digitalisierung in Bildungseinrichtungen ein Jahr später. So zeigt sich, dass die Einrichtungen sich bereits intensiv mit dem Thema auseinandersetzen und es als wichtig erachten. Fast 87 Prozent der Befragten Lehrkräfte gaben an, die Digitalisierung als eher wichtig oder sogar als sehr wichtig einzustufen. Offen bleibt ob diese Befürwortung ebenso in die flächendeckende Umsetzung in Lehrplänen Einzug hält. Denn noch 2017 deckte die Studie Monitor Digitale Bildung auf, dass die meisten Schulen oft keine Konzepte und Strategien für den Einsatz digitaler Medien besitzen. Noch hängt die Digitalisierung an den Schulen vorrangig vom persönlichen Engagement der Lehrenden ab, die entscheiden, ob und bzw. wie digitale Medien eingesetzt werden. Dabei spielt die Schulleitung eine ausschlaggebende Rolle, die nicht nur den Umfang medienbildender Unterrichtseinheiten festlegt, sondern auch nicht unwesentlich zur Weiterentwicklung und Verstetigung des digitalen Lernens beiträgt. Hürden wie Vorbehalte gegenüber Medien müssen demnach konsequent abgebaut und die Herausbildung digitaler Kompetenzen der Lehrkräfte gefördert werden, beispielsweise durch ein Pflichtmodul im Studium. Außerdem sollten computerbezogene Kompetenzen als fächerübergreifende Schlüsselkompetenz vermittelt und verbindlich in den Stundenplan integriert werden.

Die Forderung, dass der Unterricht an deutschen Schulen fächerübergreifend und systematisch in die digitale Lernumgebung eigebettet werden muss, wurde bereits von der Strategie der Kultusministerkonferenz "Bildung in der digitalen Welt" formuliert. Bis nach den Sommerferien 2018 soll diese KMK-Strategie von allen Bundesländern umgesetzt werden. Ob dies pünktlich zum neuen Schuljahr umgesetzt wird, bleibt abzuwarten. Denn hierzu müssten Freiräume für eine flexiblere Unterrichtsgestaltung geschaffen werden aber auch und finanzielle Mittel bereitstehen. Der bereits im Oktober 2016 angekündigte Digitalpakt der Bundesregierung versprach den Ländern von 2018 bis 2022 fünf Milliarden Euro vom Bund für die Finanzierung der Digitalisierung an deutschen Schulen. Allerdings konnten Schulen von diesen Mitteln bislang noch nichts abrufen. Zudem ist fraglich, inwiefern die geplanten fünf Milliarden Euro ausreichen werden, um eine grundlegende IT-Ausstattung an Schulen voranzutreiben. Denn im Digitalpakt ist beispielsweise keine Anschaffung von Endgeräten für die Schülerinnen und Schüler vorgesehen. Vielmehr setzt der Bund auf die "bring your own device" (BYOD)-Strategie. In einigen Bundesländern gibt es bereits Ansätze von Lehrplänen, die digitale Medien in den Schulalltag integrieren. So bietet beispielsweise der bayerische LehrplanPlus die entscheidende Neuerung der digitalen Medienbildung, welche Jugendlichen und Kindern das verantwortungsvolle und selbstbestimmte Handeln in einer multimedialen Gesellschaft lehren soll. Medien als eigenständigen Bildungsbereich zu sehen spiegelt sich zwar beispielsweise in den Bildungsgrundsätzen NRW wider, wobei ähnlich wie in Ländern wie Thüringen vorwiegend auf einen fächerübergreifenden Kurse gesetzt wird, die digitale Medien behandeln.

Künftig werden die digitale Professionalisierung von Lehrkräften als auch die Entwicklung und Durchsetzung von Schulkonzepten eine maßgebliche Rolle zur Integration neuer Technologien in den Schullalltag spielen. Ferner sind externe Impulse zur Mobilisierung von Lehrkräften und der Förderung der Integration technologischer Entwicklungen in Lernumgebungen notwendig, wie beispielsweise durch Coaching und die Möglichkeit der Vernetzung mit anderen Schulen. Nur so können Schulen an die digitale Alltagswelt der Kinder anknüpfen und entsprechend ihre Kompetenzen fördern.

Tanja Gottsmann


Literatur

Bayer, Lena/Bertenrath, Roman/Fritsch, Manuel/Placke, Beate/Schmitz, Edgar/Schützdeller, Peter (2018). Digitalisierung in Bildungseinrichtungen. Eine Vermessung des Digitalisierungsstands von Bildungseinrichtungen in Deutschland. Köln: IW Consult

Bianca Bauer (2016). Aktuelle YouGov Umfrage: Deutsche Schüler fühlen sich von Lehrern nicht auf die digitale Arbeits- und Lebenswelt vorbereitet. news.microsoft.com/de-de/aktuelle-yougov-umfrage-deutsche-schueler-fuehlen-sich-von-lehrern-nicht-auf-die-digitale-arbeits-und-lebenswelt-vorbereitet [Zugriff: 30.04.2018]

Feierabend, Sabine/Plankenhorn, Theresa/Rathgeb, Thomas (2017). JIM-Studie 2017. Jugend, Information, (Multi-) Media. Stuttgart: Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest.

Feierabend, Sabine/Plankenhorn, Theresa/Rathgeb, Thomas (2016). KIM-Studie 2016. Kindheit, Internet, Medien. Stuttgart: Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest.

Hünerfeld, Konrad/Schmitz, Birgit (2015). Total Digital? Wie Jugendliche Kompetenzen im Umgang mit neuen Technologien erwerben. Bonn: Deutsche Telekom Stiftung.

Behrens, Julia/Goertz, Lutz/Schmid, Ulrich/Radomski, Sabine/Thom, Sabrina (2017). Monitor Digitale Bildung. Die Schulen im digitalen Zeitalter. Gütersloh: Bertelsmann Stiftung.

Behrens, Julia/ Goertz, Lutz/ Michel, Lutz P./ Schmid, Ulrich/Thom, Sabrina (2017). Monitor Digitale Bildung. Digitales Lernen an Grundschulen. Gütersloh: Bertelsmann Stiftung.
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